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Architekturprogramm für Österreich - Baukultur im Aufbruch

Statement 27. Jänner 1999
zum
Symposium Bundeshochbau im Ringturm

Götter. Kröten.


Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrte Damen und Herren,

Ein Gedicht kann ungelesen, eine Sonate ungehört und ein Bild oder eine Skulptur kann unbetrachtet bleiben, doch ein Gebäude steht da, oft Jahrhunderte lang, manchmal Jahrtausende, immer im öffentlichen Raum oder an diesen angrenzend, schweigt, brummt oder schreit, kann Ursache für Krankheiten sein, aber auch Quelle höchster Lust und Lebensfreude. Ein Bauwerk kann als Symbol die Macht eines Herrschers verkörpern wie auch als Zeichen wirken für eine "Gesellschaft im Aufbruch".
Ende des 18. Jahrhunderts verkündete der französische Architekt Ledoux einmal, daß Architekten "Rivalen des Schöpfers" seien. Loos hat hundert Jahre später davon gesprochen, den Menschen gottähnlicher zu machen, und Bruno Taut meinte gar, der neue Messias am Beginn des dritten Jahrtausends könne nur ein Architekt sein. Ob er mit seiner Äußerung den "Architekten der europäischen Einigung" antizipiert hat, wird wohl erst die Geschichte weisen. Gottähnlicher ist der Mensch jedenfalls seit Loos nicht geworden, was man besonders am öffentlichen Wohnbau feststellen kann. Daß Projekte, wie etwa der 4000 m hohe, den heiligen Berg Fujijama überragende X-SEED Tower, zur Lösung unserer Probleme beitragen werden, ist zu bezweifeln.

Ein hoher Funkionär der Architektenkammer meinte im vorigen Jahr anläßlich einer Diskussion im Parlament zum Thema Architektur, daß die Aufgabe des Architekten nicht darin bestünde zu missionieren, sondern er lediglich die gesellschaftlichen Verhältnisse zu interpretieren habe.
Ich hingegen meine, daß die Gesellschaft in besonderem Maße Positionen braucht, Architekten ebenso wie Bauherrn, Kulturträger, die experimentell-visionär an einer sozial gerechteren, lebenswerten und auch spannenderen Zukunft arbeiten. In Österreich sind diese Positionen auf der Seite der Architekten in relativ grosser Anzahl und von hoher Qualität vorhanden und auch international mit Publiktionen ihrer Projekte und Bauten für meist private Auftraggeber präsent. In einer geradezu widersinnigen Weise hat es sich der Staat bis heute geleistet, auf dieses Potential in einem derart geringen Ausmaß zurückzugreifen. Der kritische Diskurs, die Auseinandersetzung mit experimenteller Architektur wird bis heute auf einer formalen Ebene zum Schweigen gebracht , - man verleiht Preise. Ein Preis jedoch kann keine Aufträge ersetzen. Erinnern möchte ich an dieser Stelle an den "Staatspreis für experimentelle Tendenzen in der Architektur", der nun schon seit zehn Jahren verliehen wird.

Wir Architekten haben zunehmend mit stellvertretenden Bauherrn zu tun, die ihrer Stellvertreterrolle nicht selten nur formaljuristisch gerecht werden. Wir haben mit Paragraphen und Restriktionen zu tun, deren normative Kraft den Status quo prolongieren und wir haben mit Kapital- und Wirtschaftsinteressen zu tun, die uns oft als lästigen Part betrachten, auf den man nur allzugerne verzichten würde.

Eines der größten Bauvorhaben der zweiten Republik wurde bei seiner Eröffnung vor über zwei Jahren vom Nutzer treffend dahingehend charakterisiert, daß die Anlage in ziegelrot und tannengrün gehalten sei. Ihr Statement dazu, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, hat mich überrascht und gefreut, obgleich ich nicht weiß, ob Sie damit nur die ungenutzte Chance für eine bahnbrechende Bauleistung gemeint haben oder die Problematik von Großprojekten insgesamt .Die Tendenz zu Großprojekten und die damit verbundene Konzentration der Planungsaufgaben in Großbüros, verödet unsere Städte und deren Peripherien, vernichtet Ressourcen in Form von geistigem Kapital - das an unseren Universitäten und an der Akademie mit nicht unbeträchtlichem Aufwand generiert wird - und beschert die Unterbeschäftigung vieler innovativer Architekturbüros. Die Folgen einer solchen Entwicklung, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen, kann man am Beispiel der Bauproduktion der ehemaligen DDR gut beobachten. War es dort die Idee des Kollektivs, die mit der Auslöschung des Individuums auch das Verschwinden der Architektur zur Folge hatte, so droht dies heute durch die Mechanismen des sogenannten freien Markts.

Architektur und Städtebau sind zu wichtige Faktoren unseres täglichen Lebens und unserer nachfolgenden Generationen, als daß man sie alleine kurzfristigen kommerziellen und technokratischen Interessen überlassen könnte. Die Politik darf sich daher dieser Verantwortung nicht entziehen! Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, haben die Architektur zur Chefsache erklärt, und übernehmen hiermit persönlich die Rolle des Bauherrn im Staate. Hervorragende Leistungen im Bundeshochbau sind in der Vergangenheit, gemessen am Bauvolumen von ca. 8 Milliarden Schilling jährlich, kaum zu verzeichnen, sie waren offenbar auch nicht erwünscht.
Der erste und wichtigste Schritt wird die Definierung der Reformziele sein. Um deren Umsetzung sicherzustellen, bedarf es neben einem langfristigen Konzept und einer zu ändernden Vergabepraxis auch einer begleitenden massiven, flächendeckenden Informationskampagne über die soziale und kulturelle Bedeutung des Bauens und der Architektur.

Seit zehn Jahren läßt sich ein steigendes Interesse an Architektur beobachten, welches sich in einem boomenden Markt von Architekturpublikationen, Vorträgen, Diskussionen und Symposien manifestiert. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, daß hier nur ein kleiner Ausschnitt der gebauten Wirklichkeit mit Projekten und Bauten meist privater Auftraggeber und bescheidenen Umfangs präsentiert wird. Von der öffentlichen Hand mitgetragene Institutionen, wie die Architekturhäuser in sämtlichen Bundesländern, die Architekturstiftung und auch das Ausloben diverser Architekturpreise, helfen mit, das Verständnis von guter Architektur in die Breite zu tragen.

Vor dreissig Jahren, also Ende der 60er Jahre, entstanden in Österreich im Aufwind europaweiter gesellschaftlicher Umwälzungen theoretische und experimentelle Versuche zur Weiterentwicklung von neuen Bauformen und Baumethoden insbesondere im Schulbau. Im Rahmen von staatlichen Aufträgen wurde etwa Grundlagenforschung betrieben oder die Anwendbarkeit der Vorfertigung untersucht und an Beispielen erprobt. Einige sehr gute Bauten und Projekte sind daraus hervorgegangen ebenso wie beim öffentlichen Wohnbau, die Initiative "Wohnen Morgen" sei hier erwähnt. Im Gegenwind des Ölschocks 1973 und im Fehlen langfristiger Konzepte sind diese Reformansätze dann sanft entschlafen. Rückwärtsgewandt und zukunftsfeindlich versanken Architekten und Bauherrn in Österreich und ganz Europa in eine 15 Jahre währende Düsternis in die der Fall der Berliner Mauer 1989 wie ein Blitz einschlug. Der Städtebau jedoch hat sich bis heute nicht von den Folgen dieser Düsternis erholt.

"Humanes Wohnen als erklärtes Ziel". Unter diesem Leitmotiv haben Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, Ihre Gedanken zum zukünftigen Wohnbau formuliert. Die Diskrepanz zwischen formulierten Wünschen und gebauter Realität könnte krasser kaum sein. Immer wiederkehrende Bemühungen seit dem ersten Weltkrieg um kostensparendes ökologisches Bauen und deren Demonstrativobjekte zeigen, daß es nicht an Wissen fehlt, sondern an Wettbewerbsmechanismen und am Willen aufgrund anderer Interessen, dieses Wissen umzusetzen. Die Folgen dieser Politik sind bekannt: die neuen Siedlungsgebiete an der Peripherie sind gekennzeichnet durch hohe Dichte, Blockrandbebauung, geringem Freiflächenanteil bei gleichzeitig langen Anfahrtswegen, schlechter Infrastruktur und hohen Mieten. In solche Wohnungen ziehen nur jene, die keine andere Wahl haben. Die sozialen Folgekosten, die Eingriffsintensität und nicht zuletzt die späteren Entsorgungskosten bei allfälligem Abbruch solcher Anlagen lassen an der Sinnhaftigkeit des Einsatzes von Fördermitteln zusätzlich zweifeln. Im internationalen Vergleich ist Wohnraum in Österreich zudem außerordentlich teuer: Im Unterschied etwa zu Holland, England oder Dänemark müssen Österreicher nicht nur mit unerwünschten Wohnformen vorlieb nehmen, sondern, gemessen an ihrem Einkommen, sogar mehr als dreimal so viel sparen und investieren für ihre Wohnungen als die vorgenannten Länder.
Die Ausgaben für den öffentlichen Wohnbau im heurigen Jahr sind mit über 25 Milliarden Schilling veranschlagt. Es müssen dringend Konzepte erarbeitet werden die sicherstellen, daß der Einsatz von Steuermittel mit den Reformzielen korreliert.

Der sozialen und kulturellen Bedeutung des Bauens entsprechend, muß der Staat - er positioniert sich ja als Kulturnation - Architektur als Bestandteil der nationalen Identität erkennen und in seiner Kulturpolitik verankern. Zuletzt wurde im "Entwurf zum Weißbuch zur Reform der Kulturpolitik" erklärt, daß die Kulturpolitik Signale brauche, die der Öffentlichkeit zeigen, daß neue künstlerische und kulturelle Strömungen ernst genommen werden und daher ein signifikantes Gebäude errichtet werden müsse. Ich glaube nicht, daß dies ausreicht. Vielmehr wird es notwendig sein, daß der Staat, als der größte Bauherr des Landes, die Gesamtheit seiner Bauaufgaben ernst nimmt und neue Wege geht.

Architektur braucht eine Lobby, die jedoch nicht durch einen Zusammenschluß mit anderen freien Berufen wie Rechtsanwälten, Steuerberatern oder Ärzten erreicht werden kann, da hier gänzlich andere Aufgabengebiete , Ansprüche und Ziele vorliegen. Die Lobby muß im Grunde der Staat bzw. die Gesellschaft, müssen die Nutzer sein; vielleicht bedürfen Architekten ähnlichen Schutz wie etwa Kröten, bei denen schließlich auch Anstrengungen unternommen werden, um deren Lebensraum und Fortbestand zu sichern, da sie für gut und notwendig erachtet werden.
Architektur braucht kompetente, leidenschaftliche Partner in Politik, Kultur und Wirtschaft, die den normierenden Kräften Identität und ideelle Werte entgegenstellen.

Herr Bundeskanzler, nehmen Sie Ihre Bauherrnrolle wahr, investieren Sie in das Experiment Zukunft, fördern Sie Forschung und Entwicklung durch die Vergabe von vielen auch kleineren Bauaufgaben auch an neue, noch ungesicherte Positionen, nützen Sie das vorhandene Potential und verlassen Sie die ausgetretenen Pfade in Richtung unerschlossener Gebiete.

es lohnt sich und es rechnet sich

Gerhard Steixner
Wien, Jänner 1999

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